In den Jahren unserer Arbeit mit dem Modell Marshall Rosenbergs erlebte ich häufiger auffallend ähnliche Reaktionen auf die Bezeichnung dieses Ansatzes, den ich gerne mit so etwas wie "aufgestellte Nackenhaare" bezeichnen möchte. Dies erlebte ich in nationalem oder internationalem Zusammenhang, bei Newcomern wie bei alten Hasen und TrainerkollegInnen. Selbst von Marshall habe ich sagen hören, er möge diesen Namen auch nicht.-
Nach langer Zeit unterwegs mit aufgestellten Nackenhaaren meiner selbst und anderer bin ich zu einer These gekommen, weshalb:
In meinem Verständnis drückt der Begriff "Non-violent" - wörtlich übersetzt: "Nicht-gewalttätig" das Gegenteil von Integration aus. Nicht-Gewalttätig - oder gewaltfrei schließt in der Bezeichnung bereits Gewalt bzw. Gewalttätigkeit aus. Ich erachte den Wunsch, gewaltfrei zu leben als einen nachvollziehbaren, menschlichen Wunsch.
Dennoch: wie kommt es, dass dieser Titel so zahlreiche Reaktionen von "Againstness" - Dagegen-Sein auslöst, begleitet von den entsprechenden unkomfortablen Gefühlen?
Gewaltfrei - oder "nicht gewalttätig" drückt bereits eine Exclusion aus, den Ausschluß von einer wenn auch zumeist ungeliebten menschlichen Schattenseite. Dabei kennt m.E. fast jeder so etwas wie z.B. eine "Mordswut" und andere, i.d.R. ungeliebte menschliche Gefühle. Unbewußt scheinen die Menschen diese Abtrennung zu erfassen, die den Begriff "gewaltfrei" hören , und schlußfolgern vermutlich, dass es - wie schon oft in ihrer Biografie erlebt - nur wieder um ein weiteres Sich-Zusammenreißen gehen solle. Dieser Schluß löst dann bestimmte Gefühle - oder die o.g. "aufgestellten Nackenhaare" aus.
In meiner Arbeit und Forschung mit und durch das Modell Marshalls wurde mir offenbar, dass der Versuch, Teile von uns, unserer Menschlichkeit auszuschließen, widerum nur Gewalttätigkeit triggert und nährt . Aus diesem Grund wählen wir in unserer Arbeit den Weg, die Menschen/uns selbst exakt dort abzuholen, wo sie sind: AUCH, wenn sie im tiefsten Zorn oder Hass sind, eine "Mordswut" haben. Es geht darum, die ungeliebten Schattenseiten in uns zuzulassen, sie zu erfahren, indem wir sie fühlen - unsere Körperantwort dazu fühlen. Unsere Emotionen wollen fühlend bejaht werden. Es geht darum, zu verstehen, dass diese Gefühle nur Botschafter sind irgendeines Ereignisses, eines Traumas individueller oder kollektiver Natur, welches im Moment, als es geschah, nicht zu Ende gefühlt werden konnte. Es wurde eingefroren, schockgefroren sozusagen in unserem biologischen System - Speicherort ist meist unser Körper.
Die tragische Konsequenz daraus kennen wir alle: Hass, extreme Wut, die nicht gefühlt werden dürfen, müssen irgendwann ausagiert werden. Das ist in meinen Augen der Grund dafür, dass soviel Gewalttätigkeit in unserer Gesellschaft sichtbar wird. Wir leben in einer "Zusammenreiß-Gesellschaft", in der wir es weniger und weniger schaffen, all das "Zusammengerissene" in uns noch zurück zu halten. Es geht nach und nach über die vorhandene Vitalkraft unserer Physis hinaus, all diese Gefühlsladungen zu halten. Ob sie sich in Krankheiten oder nach draussen explodierender Gewalt ausdrücken, in psychischen oder sozialen Strukturen, das ist nur eine Frage der Form - in jedem Fall ein Notausweg unseres Systems. Wir sind ausgebrannt - all das Sich-Zusammenreißen ohne das Angebot einer heilsamen Alternative in unserer Kultur bringt uns derzeit in den kollektiven Burnout.
Ärger und z.B. Gewaltimpulse und deren dazu gehörige Körperantwort, denen es erlaubt ist, in uns aufzutauchen, weil deren mit einhergehende Gefühlslagen erfahren werden dürfen -
ein solcher Ärger muß nicht mehr destruktiv ausagiert werden.
Dasselbe gilt für alle anderen Gefühle.-
Wir bedauern zutiefst, dass der Titel dieses brillianten und extrem hilfreichen Modells von Rosenberg - in unserer Sicht - weder die Kernidee Rosenbergs widerspiegelt noch unsere Auffassung davon, was wirklich ein heilsamer Prozess ist in zwischenmenschlichen Konflikten - mit uns selbst sowie mit unseren Mitmenschen. Es hilft nunmal nicht, sich "gewaltfrei" zu denken oder zu nennen, oder sich die Clubkarte der "Gewaltfreien" zuzulegen, wenn man damit sich selbst über die eigenen Schatten und die eigene Menschlichkeit hinweg zu täuschen versucht. Ein Trauma und unsere daraus entstandenen Denk-, Sprach- und Verhaltensmuster verschwinden eben nicht dadurch, dass man sie weghaben will. Sie verschwinden auch nicht, indem man ein 4-Schritte-Modell darüber pflastert, ohne im Verlaufe des gedanklich-sprachlichen Umlernens die reine Beobachtung an sich selbst zu praktizieren. Dieser Weg, zu dem uns Rosenbergs Modell eine Brücke sein kann, verlangt am Ende auch unser letztes "altes Hemd" von uns - das verspricht, ein u.U. holpriger Weg zu werden.
In einem heilsamen Umgang mit uns selbst kommen wir nicht an uns selbst vorbei.
Wir kommen nicht daran vorbei, den erlebten und offensichtlich nicht zu Ende gelebten Erfahrungen in uns bewußt den ihnen zustehenden, emotionalen Raum zu geben.
Schlicht: zu F Ü H L E N , was da I S T .
Hereinzuholen, was einst - aus Überlebens- oder Sicherheitsgründen - draussen bleiben mußte.
Wir hoffen, hier etwas beigetragen zu haben zu einer fruchtbaren Auseinandersetzung. Mehrfach schon haben wir deutliches Aufatmen und Erleichterung erlebt bei einigen Menschen, die sahen, dass wir unserer Arbeit einen anderen Titel gegeben haben. Die darauffolgenden Gespräche haben unsere o.g. These bestätigt.
Die Arbeit und der ihr innewohnende Geist darf sich u.E. gerne im Namen eines Ansatzes widerspiegeln.
Nach wie vor arbeiten wir definitiv mit und durch das Modell Marshalls, das u.E. mehr denn je ein extrem effizientes Werkzeug ist, reine Beobachtung und damit Unterscheidungsvermögen zu entwickeln. Damit entsteht Klarheit und Einfachheit in unseren Beziehungen:
Aus Unterscheidungsvermögen ergibt sich nach und nach tiefstes Verstehen.
Aus tiefem Verstehen geschieht Würdigung.
Würdigung unserer selbst und des Mitmenschen.
A C H T S A M K E I T .
Muss ich mich ändern, muss der andere sich ändern?
Müssen wir alle „edlere“ Menschen werden, Gefühle unter Kontrolle bringen
und so genannte Schattenseiten eliminieren?
In der Kommunikation der Achtsamkeit geht es nicht um Kontrolle und Eliminieren
oder das Ziel, ein „besserer“ Mensch zu werden -
es geht in der Essenz um tiefste Würdigung dessen, was I S T .
