Artikel für die Schrift „Orientierung“ 03/2007
Thema der Ausgabe: Männer – Frauen – Gender
Gewalt ist nichts anderes als der tragische Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse
Joachim Bauer, Professor für Psychoneuroimmunologie und Buchautor („Prinzip Menschlichkeit“) sagt, dass lebendige Systeme darauf ausgerichtet sind, zu kooperieren. Kurz gesagt, nicht der Stärkere überlebt (Darwin), sondern der, der kooperiert. Nun erleben wir aber in der Welt das Gegenteil: Gewalt zwischen den Geschlechtern, ethnischen Gruppen, Kulturen, Religionen und Nationen – Gewalt zwischen dir und mir. Was liegt hier vor? Unterliegt die ganze Menschheit in ihrem Handeln einer Art kollektivem und geistigem Irrtum?
Marshall B. Rosenberg, Begründer des Modells der Gewaltfreien Kommunikation, klinischer Psychologe und seit fast 40 Jahren international erfolgreicher Friedens- und Konfliktmediator, hatte traumatisierende Gewalterfahrungen schon in jüngster Kindheit. Ausgehend davon brannte in ihm bereits in jungen Jahren die Frage: „Was genau liegt vor, wenn Menschen gewalttätig werden?“ Angefangen bei subtileren Formen von Gewalt wie die unserer Alltagssprache, bis hin zu Gewalt, die in ihren Auswirkungen uns als ganze Menschheit existentiell betrifft. Und noch brennender: „Was genau liegt vor, wenn Menschen trotz extremster Situationen eben nicht gewalttätig reagieren, sondern dennoch in Kontakt mit sich selbst und ihrer Fähigkeit zu Mitgefühl bleiben können?“ Er kam zu folgender Entdeckung:
„Gewalt ist nichts anderes als der tragische Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse.“
Ist das so? Vielleicht macht es Sinn, einen kurzen Blick nicht in das deutsche Wörterbuch, sondern auf Rosenbergs Definition von Bedürfnissen zu werfen: Bedürfnisse sind globaler Natur – d.h. dass unabhängig von Kultur, Religion, Hautfarbe, Nation, Alter und sozialem Status oder Bildungsstand alle Menschen die gleichen Bedürfnisse gemeinsam haben. Gemeint sind Bedürfnisse wie z.B. Gemeinschaft, Nähe, Frieden, Sicherheit, Überleben, Ruhe, Schlaf, Nahrung, Wertschätzung, Sinn und Weiterentwicklung, Spiritualität und: Beitrag sein – also GEBEN!! Auffallend häufig dann, wenn solche grundlegenden Bedürfnisse in Gefahr sind oder unerfüllt, neigen Menschen zu Gewalt. Das ist zunächst einmal die Beobachtung. Was heißt das z.B. in der Paarbeziehung? Ein ganz banales Alltagsbeispiel: Sie will am Feierabend ins Kino mit ihm – er will Zeitung lesen. Ein Dialog entspinnt sich, in dem sie zunächst gutmütig ihn davon zu überzeugen versucht, mit zu kommen. Er sagt Nein. Im Folgenden mutieren die Argumente zu Vorwürfen, Anklagen („Meine Freundinnen meinen auch, du interessierst dich viel zu wenig für mich.“) und Drohungen („Wenn das so weiter geht, dann werde ich….“). Er äußert sich entsprechend, ist felsenfester denn je zuvor beim Zeitungslesen. Erkennen Sie das wieder? Was liegt hier vor? Zwei Menschen, die verzweifelt um ihre Versionen der Feierabendgestaltung kämpfen. Dabei sind Kino und Zeitung nur Strategien, um bestimmte Bedürfnisse zu erfüllen. Das Problem dabei: es sind die momentan scheinbar einzig zur Verfügung stehenden Strategien. Deswegen wird so hart gekämpft. Welche Bedürfnisse liegen denn darunter, die einfach gerade unerfüllt sind? Möchte sie vielleicht einfach nur Nähe? Möchte er nach einem anstrengenden Tag einfach nur Ruhe und Entspannung? Der Streit jedoch entfacht sich mit dem Blick darauf, welche Strategie die „Richtigere“ ist – und wo es um „richtig“ und „falsch“ geht, fliegen wir Menschen meist in hohem Bogen aus der Konfliktkurve.
Der Fokus liegt auf „Mit dir stimmt was nicht, sonst würdest du…“ statt auf: „Wie geht´s dir/mir und was brauchst du/ich?“ Doch wie sollen andere, für eine Situation brauchbarere Lösungen gefunden werden, wenn völlig im Dunkeln liegt, dass hier hinter der erbarmungslosen Schärfe des Konflikts einfach nur zwei Grundbedürfnisse nebeneinander stehen und „Hunger“ vermelden? Bedürfnisse, auch wenn es auf beiden Seiten nicht dieselben sind, bekriegen sich nicht. Bedürfnisse sind einfach Lebenstatsachen, die allen Menschen gemeinsam sind. So ist also der Beweg-Grund (!), aus dem heraus der moderne Mensch zum Kühlschrank geht und der indische Bauer, der mit seiner mageren Kuh auf den Acker zieht, derselbe: das Bedürfnis, zu überleben. Wir stehen, was unsere Bedürfnisse betrifft, als ganze Menschheit auf ein und demselben Grund und Boden: wir brauchen dasselbe, wir haben unsere Wurzeln in derselben Erde. Diese Erkenntnis erhellt auch, auf welcher Ebene Marshall Rosenberg an den heißesten menschlichen Fronten so erfolgreich menschliche Verbindung schafft: In dem Moment, in dem man gefunden hat, was beide Parteien brauchen, kommen ganz natürlich Lösungsmöglichkeiten bzw. Strategien in Sicht, wie beide „satt“ werden können. Eine Lösung, bei der die Bedürfnisse auf beiden Seiten als gleich-wertig gesehen werden. Mit dem Fokus auf unsere wahren Beweggründe, die Bedürfnisse, entsteht das, was Joachim Bauer Kooperation nennt. Es geht nicht mehr darum „Wer ist schuld und wer hat recht?“ sondern um „Wie geht´s mir und wie geht´s dir – und was bringt uns gemeinsam weiter?“. Es mag als Banalität erscheinen, was ich hier anhand eines Ehekrachs beschreibe. Tatsächlich skizzieren die eben genannten Fragen einen fundamentalen Paradigmenwechsel in unserem Denken – sie bezeichnen zwei völlig voneinander getrennte Universen des Denkens. Das eine Denken, das urteilt, wertet, interpretiert und analysiert und die Welt in Gut und Böse einteilt, ist unser gewohntes Denken. Das neue und weithin unbekannte Universum beschreibt der Sufi-Mystiker M.J. Rumi bereits vor Jahrhunderten: „Jenseits von Gut und Böse gibt es einen Ort – dort treffen wir uns.“
Lenken wir den Blick über den Tellerrand der Zweierbeziehung hinaus auf eine Ebene, die uns global als Menschheit betrifft. Auch bei internationalen Konflikten, die mit Androhung oder Ausübung von Waffengewalt, Betrug, Manipulation und Erpressung geregelt werden sollen, liegen Bedürfnisse zugrunde. Letztere haben ja als solche absolut lebensdienlichen Charakter: das Bedürfnis nach Frieden, Sicherheit, Gemeinschaft, Überleben. Die Strategien allerdings sind fatal, die Ausübung von Macht, Kontrolle und Waffengewalt, um diese Grundbedürfnisse zu sichern, zeigt tragische Ergebnisse. Paradoxerweise führen sie sogar zum Gegenteil: sie potenzieren die Unsicherheit, den Unfrieden und das Auseinanderbrechen von Völker- und Menschengemeinschaften.
Wie kommt es nun, dass offensichtlich ein Großteil der Menschen den Kontakt zu ihren ursprünglichen Beweggründen verloren hat? Hier kommt der Fähigkeit zu FÜHLEN eine außerordentliche Bedeutung zu: Gefühle sind das einzige Meldesystem, über das wir Menschen verfügen, um überhaupt zu bemerken, dass uns gerade etwas fehlt. Ohne Gefühle sind wir unterwegs wie mit einem Auto in der Wüste ohne Tankanzeige. Bezeichnenderweise ist es gerade im „modernen“ Westen immer noch sehr verpönt, von Gefühlen auch nur zu sprechen – geschweige denn, welche zu haben. Dabei sind Gefühle Lebenstatsachen: In jedem Sekundenbruchteil antwortet unser Körper neu auf unsere emotionalen, inneren Bewegungen, mit tausenden von messbaren Körpersignalen, die wir, wenn überhaupt, nur in geringem Umfang bewusst bemerken. Gefühle sind als manifeste Tatsache also immer da, selbst dann, wenn wir sie mit aller Unvernunft und Gewalt in die Besenkammer gesperrt haben... um in einer nur scheinbaren Sicherheit vor ihnen weiter leben zu können.
Uns fehlt nicht nur die Sprache und Akzeptanz für unsere unverzichtbare „Tankanzeige“, uns fehlt auch komplett das Handling, was wir denn mit negativ bewerteten Gefühlen wie Ohnmacht, Trauer, Schmerz, Wut und Angst anfangen und wozu sie dienlich sein sollen. Auch das kein Wunder: kinderleicht hätten wir es gelernt – wären die uns umgebenden Erwachsenen Vorbilder dafür gewesen. So sind wir selber zu Erwachsenen geworden, die wiederum kein neues Vorbild abgeben. Wir haben verlernt, zu fühlen – uns selbst nicht und folglich auch den Mitmenschen nicht. Kein Wunder ist der Schrei nach Mitgefühl besonders laut. Die meisten von uns, Ohne-Gefühl unterwegs, haben nur eine vage Ahnung, was überhaupt Mit-Gefühl unterwegs sein bedeutet.
Welche Tragweite für einen globalen sozialen Wandel hat es, wenn Menschen mit dem, was sie fühlen und brauchen in Verbindung sind?
Wer hungrig ist, sucht nach Möglichkeiten satt zu werden. Da der Beweggrund – das Bedürfnis - unbekannt ist und das Meldesystem auf Eis gelegt, müssen zahlreiche Strategien ausprobiert werden. Dabei aber bleibt oft der Hunger, weil ja die gewählte Lösung meist nicht in direkter Verbindung mit dem tatsächlichen, unbewussten Bedürfnis ist und oft sich als ungeeignet heraus stellt. Bezeichnend für die Gattung Mensch hierbei ist, dass sie als Kollektiv und als Individuum auch bei hundertfachen Fehlversuchen mit einer einzigen Strategie (z.B. Krieg) nicht in der Lage zu sein scheint, zu lernen und etwas anderes auszuprobieren. Dabei gäbe es tausende von Möglichkeiten, die ebenfalls geeignet wären, Frieden, Sicherheit und Gemeinschaft, Überleben zu gewährleisten. Doch auch die unsinnige Wiederholung der immer selben, erfolglosen und zerstörerischen Strategie ist nachvollziehbar: Mit dem Misserfolg wird die erlebte Ohnmacht größer und die Versuche, satt zu werden immer verzweifelter. Mit der Verzweiflung und Ohnmacht wächst auch die Angst, und mit Angst und Stress im Körper sinkt bekanntlich die Kreativität des Menschen, lebensdienlichere Strategien zu finden, gegen Null. Da unter diesen Umständen auch Kooperation unmöglich zu werden scheint, sinkt die Überlebenschance der Ehe – oder auch des lebendigen Systems Menschheit ebenfalls drastisch.
Hier tritt die globale und existentielle Bedeutung für den Sozialen Wandel sichtbar zutage. Wir brauchen Menschen, die mit sich selbst und ihren Gefühlen und Bedürfnissen in Verbindung sind – und damit in die Lage versetzt sind, mit sich selbst einen kooperativen und pfleglichen Umgang zu haben. Stellen Sie sich Kinder vor, die von Geburt an einen Raum für ihre Gefühle erfahren, ein Stattgeben dem, was IST anstelle von
„Brauchst doch keine Angst haben – reiß dich zusammen – echte Indianer weinen nicht – tut doch gar nicht weh“. Ein Kind, das sich selbst fühlt, fühlt auch den Kameraden. Damit gewinnt das Dem-anderen-Schmerz-Zufügen eine hoch fragliche Dimension. Der Urgrund für wirkliches Mit-Fühlen ist gelegt. Gefühle sind die Direktverdrahtung zur eigenen Bedürfnislage. Wer Gefühle abspaltet, muss diese Verbindung gewaltsam trennen und Krieg führen gegen sich selbst, in dem Versuch, unter Kontrolle zu halten, was als Existenz gar nicht negiert werden kann. Wer aber Krieg gegen sich selbst führt, auch wenn er es nicht besser gelernt hat, ist vom Krieg draußen nicht weit entfernt. Zielobjekt kann der Partner sein – aber auch ein „anderes“ Volk, einer anderen Kultur.
Wo also findet Friede zuerst statt? Wer in Verbindung ist mit dem, was in ihm lebt, der hört auf, den Krieg der Abspaltung gegen sich selbst zu führen. Das hilft immens, in eine authentische und kooperative Verbindung mit dem anderen zu gehen.
„Ich finde nur zu dir denn durch mich selbst.“
Monika Schäpe
